Fahrrad-Boom durch Corona? Studie bewertet Mobilität in Städten

Seit einigen Jahren drängen sich auf den Radwegen Deutschlands immer mehr Fahrradfahrer. Mit Beginn der Corona-Krise hat sich dieser Trend verstärkt. Fitnessstudios waren über Wochen geschlossen und machten Sport im Freien wieder beliebter. Zudem meiden viele Menschen nach wie vor die öffentlichen Verkehrsmittel und wählen stattdessen das Fahrrad. Eine neue Studie zeigt, wie sich dieser Fahrrad-Boom in deutschen Städten niederschlägt.

Studie über Fahrradfreundlichkeit in Corona-Zeiten

Der Immobilienfinanzierungsvermittler Baufi24 gab eine Studie in Auftrag, die die Fahrradfreundlichkeit in 78 deutschen Städten unter die Lupe nahm. Die Baufi24 AG ist spezialisiert auf Baufinanzierung und die Bewertung von Häusern und Wohnungen. Für diese Studie wurden neue Daten zu Radwegen, Unfallstatistiken und zum Verkehrsstatus erhoben und ausgewertet. Die allgemeine Zufriedenheit von Radfahrern wurde ebenfalls in die Statistik aufgenommen.

„Wir haben bemerkt, dass die Bedingungen zum Radfahren immer öfter ein wichtiges Entscheidungskriterium für Kunden sind, die sich den Traum vom Eigenheim erfüllen wollen. Aus diesem Grund haben wir uns gezielt näher mit der Fahrradfreundlichkeit in Deutschland beschäftigt und zeigen, in welchen Städten das große Potenzial des Radverkehrs bereits erkannt wurde, und, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt”, sagt Tomas Peeters, CEO und Vorstandsvorsitzender von Baufi24.

Die fünf fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands

Im Rahmen der Studie wurden neue Daten erhoben und mithilfe eines Punktesystems, das ermöglicht, die Informationen zu standardisieren, ausgewertet. Die Stadt mit der höchsten Gesamtpunktzahl gilt am fahrradfreundlichsten:

**Platz** **Stadt** **Radwege (in Kilometer)** **Zufriedenheit (0-100)** **Unfälle (auf 100.000 Einwohner)** **Gesamtergebnis**
1 Berlin 527 75,0 157 100
2 Dresden 35 56,3 106 99,2
3 Hamburg 397 68,8 138 95,1
4 Koblenz 6 93,8 68 77,1
5 Wiesbaden 28 81,3 66 72,7

Berlin und Dresden überzeugten Fahrradfahrer

Berlin ist mit über 527 Kilometern Radweg die fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie bewerteten außerdem das vielfältige Angebot an Fahrradläden und Werkstätten positiv.

Dresden glänzt noch nicht durch die Anzahl an Fahrradwegen, aber ist besonders bei Radsportlern attraktiv. Die Radsport-Community von „Bikemap“ notierte für Dresden insgesamt 9.359 Strecken. Die TU Dresden untersucht in einer eigenen Studie den Wechsel auf das Fahrrad während der Pandemie. Knapp 58 Prozent der Teilnehmenden an der Dresdner Studie gaben an, dass sich ihre Verkehrsmittelnutzung seit Ausbruch der Pandemie verändert hat.

Weitere Ergebnisse der Studie

Die Ermittlung der Fahrradwege brachte weitere, erstaunliche Erkenntnisse zum Vorschein. In Rockstock konnten gar keine Radwege erhoben werden. In Pforzheim kam die Berechnung auf einen Kilometer Radweg, während es in Göttingen und Trier etwa drei Kilometer Radweg zu verzeichnen gibt.

Das Schlusslicht im Ranking der Studie bildet die Brandenburger Hauptstadt Potsdam: Zu Stoßzeiten benötigen Autofahrer 167 Prozent mehr Zeit, um von A nach B zu kommen. Das hat weitreichende Staus zur Folge, die die Feinstaubkonzentration erhöhen. Der stockende Verkehr und die hohen Feinstaubwerte machen die Stadt für Fahrradfahrer unattraktiv. Auch die lediglich 28 Kilometer Radweg lösen eine hohe Unzufriedenheit bei den Radlern aus.

Maßnahmen aufgrund von Corona

Viele deutsche Städte reagierten schnell auf das gestiegene Radfahreraufkommen während der Pandemie. Berlin, Hamburg, München und Nürnberg richteten gelb markierte Pop-up-Radwege ein. Durch die Umwidmung des rechten Fahrstreifens oder eines bisherigen Parkstreifens wird Platz für Fahrradfahrer geschaffen. Pop-up-Radwege sollen lediglich kurzfristig in Zeiten der Krise für mehr Platz und Sicherheit beim Fahren sorgen. Teilweise werden sie aber auch als Sprung in die Verkehrswende betrachtet, denn der Erfolg der temporären Fahrradwege wird nach einem festgelegten Zeitraum evaluiert

Leipzig entschärfte einen bekannten Unfallschwerpunkt, den täglich mehr als 6.000 Fahrradfahrer passieren. Weitere Straßenabschnitte, auf denen die Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer nicht mehr ausreichend gegeben ist, werden neu geprüft. Die Maßnahmen aus den letzten Jahren haben in Leipzig dazu geführt, dass die Länge der straßenbegleitenden Radwege im Stadtgebiet seit 2011 um 98 Kilometer und damit auf inzwischen 516 Kilometer erweitert werden konnte.

Einbußen nach Lockdown aufgeholt

Über Wochen hinweg mussten Händler ihre Geschäfte in ganz Deutschland schließen. Seit Ende des Lockdowns verzeichnen Hersteller und Händler Monat für Monat höhere Verkaufszahlen. Der Zweirad-Industrie-Verband erklärte in einer Aussendung bereits im Juli, dass der Großteil der Hersteller die Einbußen bereits aufgeholt hat. Zwischen Januar und Juni wurden 3,2 Millionen Fahrräder und E-Bikes in Deutschland verkauft. Das ist hinsichtlich des Absatzes sogar ein Plus von 9,2 Prozent zum Vorjahreszeitraum.

„Durch Corona ist das Fahrrad das Verkehrsmittel der Stunde“, sagt David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband. „Das merken wir eben nicht nur auf den Straßen, sondern auch beim Ansturm auf die Fahrradläden.“

In den Fahrradwerkstätten herrscht ebenso großer Andrang. Ersatzteile für Kinderräder sind in vielen Geschäften Mangelware, aber auch erwachsene Kunden müssen sich auf längere Lieferzeiten einstellen.

E-Bikes im Fokus

Besonders der Verkauf von E-Bikes steigt seit der Pandemie rasant an. Der Sektor E-Bikes konnte erneut zweistellig wachsen und beläuft sich auf geschätzte 1,1 Mio. Einheiten. Das entspricht einem Zuwachs von rund 15,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Immer mehr Menschen greifen zum E-Bike, da sie damit in den Weg zur Arbeit zurücklegen können, ohne durchgeschwitzt anzukommen. Aufgrund der immer längeren Akkulaufzeit können auch weitere Strecken mit dem E-Bike zurückgelegt werden. Damit werden Autos in ländlichen Regionen von E-Bikes abgelöst. Ein besonders lukratives Geschäft für die Radbranche, denn E-Bikes befinden sich in einem preislich gehobenen Segment.

Leihräder im Kommen

Ein breites Angebot an Leihrädern macht sich in deutschen Städten vor allem bei Touristen beliebt. Während der Reiseeinschränkungen zeigte sich aber, dass auch die Bewohner Leihräder schätzen. Zu den größten Anbietern zählen Nextbike, mit deutschlandweit mehr als 26.000 Fahrrädern und Call-a-Bike, mit ungefähr 17.000 Fahrrädern. Beide sind in mehr als 60 Städten Deutschlands aktiv.

Die Pandemie wird hoffentlich gehen, das Fahrrad bleibt

In der Corona-Krise haben viele Menschen ihr Verkehrsverhalten geändert. Die Stadtverwaltungen zogen nach und passten ihre Infrastruktur an die neuen Gegebenheiten an.

Ob und wie langfristig sich diese Veränderungen halten, hängt vor allem von der Präsenz der Fahrräder ab. Der schnellste Weg zu einer fahrradfreundlichen Stadt führt über das Fahrradfahren selbst.