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Radverkehr wird Unifach

Radverkehr wird Unifach

27.05.2021 - Update: 16.06.2021

Radverkehr wird Unifach

Vor einem Jahr hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) erstmals Stiftungsprofessuren gefördert, die sich der Radinfrastruktur widmen. Das bedeutet, dass Professoren den Radverkehr in Forschung und Lehre mit aufnehmen – und Studierende haben die Möglichkeit, in den Seminaren der unterschiedlichen Studiengänge verschiedene Aspekte des Radverkehrs zu erforschen und die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Wir wollten wissen, welchen Chancen die Stiftungsprofessuren und die neuen Studiengänge mitbringen, was Studierende und Radfahrer erwarten können und welche Erfolge die Stiftungsprofessuren seit ihrem Start bereits verzeichnen konnten – und haben bei zwei Radprofessoren nachgefragt.

Dr.-Ing. Dennis Knese wurde am 1. Januar 2021 zum Professor für nachhaltige Mobilität und Radverkehr an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) berufen. Neue Module zum Thema Radverkehr gibt es in den Studiengängen bereits, der Masterstudiengang Nachhaltige Mobilität läuft zum Sommersemester 2023 an.

Dr.-Ing. Christian Rudolph trat die Stelle als Professor für Radverkehr in intermodalen Verkehrsnetzen an der TH Wildau zum 1. Mai 2021 an. Der Startschuss für den gleichnamigen Studiengang fällt zum Sommersemester 2022 – und Christian Rudolph und die TH Wildau freuen sich schon auf motivierte und engagierte Studierende, die Lust haben, Radverkehrsplanung zu studieren.

Beide sind Radprofessoren, beide sind in Frankfurt und Berlin selbst oft mit dem Bike unterwegs. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es jedoch in jeder Stadt und das Fahrrad muss sich endlich als gleichberechtigtes Verkehrsmittel etablieren, wenn wir die Anzahl der Kraftfahrzeuge reduzieren und unsere Klimaziele erreichen wollen. Dazu müssen attraktive Alternativen her (durchgängige Radwegenetze mit breiten Radwegen, sichere Abstellanlagen, eine intermodale Verknüpfung zwischen den Verkehrsmitteln, Anreize von Arbeitgebern zur Nutzung des Fahrrads etc.) – und genau das sollen die Stiftungsprofessuren ermöglichen.

Stiftungsprofessur Radverkehr: neue Chancen, innovative Ideen

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat sieben Stiftungsprofessuren zum Thema Radverkehr an deutschen Hochschulen ins Leben gerufen. Dr.-Ing. Christian Rudolph erläutert, worauf sie hinarbeiten und was sie gemeinsam bewirken wollen.

Konkret nennt er folgende Anliegen und Ziele:

  • Aus Studierenden werden Radexperten: „Unser Auftrag ist es, Fachplaner*innen zum Themenkomplex Radverkehrsplanung aus- und weiterzubilden – und zwar gemessen am internationalen State-of-the-Art", also auf dem neuesten Wissensstand.
  • Verbesserungen im Radverkehr: Die Fachplaner*innen sollen in Zukunft intelligente, moderne und attraktive Radverkehrsplanungen in den Kommunen umsetzen – bundesweit.
  • Sicherheit: Ein wichtiger Schritt liegt darin, den Radverkehr sicherer zu gestalten.
  • Nachhaltige Mobilität: Die Stiftungsprofessuren arbeiten darauf hin, die Attraktivität und Leistungsfähigkeit der Radverkehrsinfrastruktur zu erhöhen, um den Autoverkehr zu verringern und den Radverkehr zu erhöhen.

Auch Dennis Knese verdeutlicht, welche Chancen die Stiftungsprofessur Radverkehr für die Lehre und die Mobilität der Zukunft mitbringt: „In bisherigen Lehrveranstaltungen (z. B. im klassischen Bauingenieurwesen) wurden häufig traditionelle technische Grundlagen der Verkehrsplanung gelehrt, selten mit besonderem Fokus auf den nichtmotorisierten Verkehr. Nun erhält der Radverkehr mehr Aufmerksamkeit in der Lehre." Das ermögliche es , spezifische Radverkehrsthemen stärker zu vertiefen , neue Methoden zu vermitteln, Probleme disziplinübergreifend zu untersuchen und im Rahmen von Studienprojekten neue Konzepte zu entwickeln.

Auch für die Forschung schaffen die Stiftungsprofessuren Radverkehr neue Möglichkeiten. Es gibt nun sieben Professuren, die notwendige Forschungsthemen angehen und somit mehr Wissen bereitstellen können, wovon Anwender profitieren: „Die neuen Professuren sollen durch ihre Forschungsaktivitäten direkt ein starker Partner für Akteure aus der Region werden, um die Themen Radverkehr und nachhaltige Mobilität zu fördern", so Dennis Knese. Als Beispiel nennt er Datensammlungen und -analysen, die Argumentationshilfen für die Entwicklung von spezifischen Maßnahmen liefern.

Wie sieht die Finanzierung aus?

Die Finanzierung läuft über fünf Jahre und ermöglicht im Rahmen der Laufzeit auch die Einstellung von wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, wie Dr.-Ing. Dennis Knese sagt: „Zumindest für diese Zeit hat man ein erstes Pfund, was für den Aufbau der Lehre und Forschung sehr hilfreich ist." Zudem garantiere die Frankfurt UAS eine Fortführung der Professur nach den fünf Jahren. Auf diese Weise kann man das Bewusstsein für das Thema Radverkehr langfristig steigern und Forschung und Lehre weiter vorantreiben.

Neue Studiengänge – und was sich die Professoren erhoffen

Dr.-Ing. Christian Rudolph betont die Vorteile und oft unterschätzte Vielfalt an Möglichkeiten , die die Fahrradbranche schafft: „Wir möchten den Studierenden vermitteln, wie das Fahrrad und das Lastenrad auf der ersten und der letzten Meile als ideales Verkehrs- und Transportmittel in das Verkehrssystem eingebettet werden kann, um deren Vorteile optimal ausnutzen zu können." Allgemein erhoffe er sich, dass die Studierenden kreative und zukunftsorientierte Ideen mitbringen und während des Studiums entwickeln, damit beide Seiten profitieren können.

Die Stiftungsprofessuren Radverkehr versuchen, das Thema Radverkehr als Gesamtbestandteil eines integrierten nachhaltigen Verkehrssystems in verschiedene Studiengänge unterschiedlicher Fachbereiche zu integrieren (z. B. Bau- und Umweltingenieurwesen, Geodatenmanagement, Infrastruktur, Stadtplanung, Wirtschaftswissenschaften) – sowohl im Bachelor- als auch im Masterbereich. Dabei entwickelt die Frankfurt UAS gemeinsam mit der Hochschule Rhein-Main, der Hochschule Darmstadt und der Technischen Hochschule Mittelhessen den neuen Masterstudiengang „Nachhaltige Mobilität". Dieser ermöglicht es, einen Schwerpunkt auf den Radverkehr zu legen.

Dr.-Ing. Dennis Knese verdeutlicht, dass die Studierenden diejenigen sind, die es in der Hand haben und die Zukunft mitbestimmen können: „Ziel ist es, möglichst viele Studierende für das Thema und einen späteren Beruf im Mobilitätssektor zu gewinnen." Die Stiftungsprofessuren ermöglichen es, Know-how und Kapazitäten auszubilden – und Städte, Kommunen, Verbände, Unternehmen und schließlich auch alle Radfahrer profitieren künftig davon.

Entwicklung des Radverkehrs und Folgen der Coronapandemie

Dr.-Ing. Dennis Knese und Dr.-Ing. Christian Rudolph betonen, dass wir mit der Coronapandemie einen echten Fahrradboom erlebt haben. Die Verkaufszahlen für Fahrräder sind seit Beginn der Pandemie nach oben geschnellt, die Hersteller kommen mit der Produktion kaum hinterher. Dr.-Ing. Christian Rudolph erkennt die positiven Veränderungen, die sich aus der hohen Nachfrage ergeben: „Einige Städte wie zum Beispiel Berlin, Wien und Brüssel haben auf vielen Hauptmagistralen Pop-up-Radwege angelegt, um den Menschen mit dem Fahrrad eine Alternative zum ÖPNV anzubieten." Viele Menschen fühlen sich in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgrund des Ansteckungsrisikos nicht mehr sicher und sehen im Fahrrad eine willkommene Alternative, mit der sie zugleich ihrem Wunsch nach Bewegung an der frischen Luft nachgehen können.

Doch wie geht es nach dem Corona-Fahrradboom weiter? Dr.-Ing. Dennis Knese rechnet damit, dass sich der Pendlerverkehr in Zukunft verringert, da Homeoffice-Modelle den Weg zur Arbeit immer häufiger überflüssig machen und weniger Dienstreisen stattfinden. Außerdem könne man erwarten, dass der Wirtschaftsverkehr (z. B. durch Onlinehandel) weiter steigt. Ob sich der Radverkehrsanteil nachhaltig verändern wird, müsse nach Dr.-Ing. Christian Rudolph noch untersucht werden.

Doch der Radverkehr hat eine große Chance , wie Dr.-Ing. Dennis Knese erklärt: „Im Privatverkehr könnten viele Menschen, die in der Pandemie aufs Fahrrad umgestiegen sind, dabei bleiben. Denn der ÖPNV wird in naher Zukunft insbesondere in Großstädten an seine Kapazitätsgrenzen stoßen. Im Wirtschaftsverkehr können Lastenfahrräder eine echte Alternative für die letzte Meile sein, was viele Unternehmen bereits erkannt haben."

Neue Hoffnung durch die Stiftungsprofessuren Radverkehr

Dr.-Ing. Dennis Knese zeigt sich zuversichtlich und berichtet bereits von ersten Erfolgen: „Ich spüre ein hohes öffentliches Interesse an der Radverkehrsprofessur und damit verbundenen Themen." Mit seinem Team konnte Dr.-Ing. Dennis Knese auf verschiedenen Fachkonferenzen Beiträge beisteuern, die zum Denken anregen, und über Interviews und Presseartikel auf Themen hinweisen, die mehr Beachtung finden müssen, damit wir den Radverkehr stärken können. Außerdem habe er viele Gespräche mit Akteuren aus ganz unterschiedlichen Bereichen im In- und Ausland geführt, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen.

Auch die Studierenden sind motiviert, so Dr.-Ing. Dennis Knese: „Wir haben bereits erste Lehrveranstaltungen durchgeführt und ein sehr positives Feedback der Studierenden erhalten. Die Nachfrage ist hoch und die Begeisterung für die Themen ebenfalls." Weitere Erfolge: Die Studierenden belegen immer mehr Wahlmodule im Radverkehr und bearbeiten in ihren Abschlussarbeiten immer häufiger Radverkehrsthemen. In der Forschung sind die Universitäten in Kontakt mit verschiedenen Organisationen, um erste Forschungsanträge auf den Weg zu bringen. Es bleibt also spannend.